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Pfarrers Worte

Soll ich, soll ich nicht?

Auf der Titelseite der letzte Nummer des Gemeindebriefes stand gross gedruckt «abgesagt!». Alle wussten um was es ging. Wegen der Corona-Pandemie musste auch im kirchlichen Leben fast alles abgesagt werden. In derselben Ausgabe habe ich am Schluss meines Artikels auf Seite zwei geschrieben: «Wenn das alles vorbei ist und wir uns wieder als Kirche versammeln dürfen, dann feiern wir ein Fest – ein Auferstehungsfest! Ich freue mich schon jetzt darauf.» Nun, mit dem grossen Fest ist bis jetzt noch nichts geworden. Zwar ist einiges wieder möglich, auch Gottesdienst feiern, aber alles kommt nur sehr vorsichtig wieder in die Gänge. Hygiene- und Schutzmassnahmen sind für jede Zusammenkunft eine kleinere oder grössere Herausforderung. Unsicherheiten und Angst, vielleicht ist es auch einfach Respekt, gehen mit. Soll ich nun, soll ich nicht die Schutzmaske tragen? Soll ich nun, soll ich noch nicht dabei sein?

Mit Unsicherheit leben

Das ist zumindest der Zustand, während ich diese Zeilen schreibe (8. Juni). Kann sein, dass bei Ankunft des Gemeindebriefes in deinem Briefkasten alles ganz anders ist. Kann sein, dass endlich die ersehnte «Normalität» wieder da ist und ein fast grenzenloses Leben wieder möglich. Kann sein, dass es erneut zu Einschränkungen kommt, gar zur gefürchteten «zweiten Welle» von Ansteckungen. Irgendwie müssen wir mit solchen Unsicherheiten leben. Wir müssen mit dem Virus leben und alles Menschenmögliche tun, dass es sich nicht weiter und erneut verbreiten kann. So schlecht ist das nicht gelungen bis jetzt, da können wir stolz sein.

Was ist «normal»?

Man kann sich nun fragen: Ist das diese «neue Normalität», mit der wir leben müssen? Gibt es kein Zurück zu jenem vergangen Lebensstil, dem wir uns Anfang dieses Jahres noch hingeben konnten und entsprechende Pläne schmieden konnten; also zu dem, was wir als «normal» erachteten? Kleines Beispiel: Sind der herzhafte Händedruck und die Umarmung fortan mit grosser Vorsicht zu geniessen oder in Zukunft ganz zu vermeiden? Wird dieses Vermeiden und Distanzhalten nun zur Normalität? Da stellt sich die Frage: Was ist schon «normal»? Gibt es überhaupt eine Normalität? Sind die Vorstellungen darüber nicht sehr verschieden? Ich finde, wenn das, was einst «normal» war, sich nun verändert zu einer anderen, neuen und vielleicht erst noch zu entdeckenden Normalität (ob es uns passt oder nicht), ist es umso wichtiger, sich auf das zu besinnen, was auf jeden Fall bleibt.

Gottes Wort findet seinen Weg

Neulich habe ich im 2. Timotheusbrief gelesen: «Aber das Wort Gottes lässt sich nicht gefangen nehmen». (2,9). Paulus bezieht das auf seine Gefangenschaft, die er um seines Glaubens willen auf sich genommen hat. Eine Erfahrung, die öfters in sein Leben gekommen ist. Er war gebunden, konnte nicht «normal» wirken, musste zeitweise in einer «neuen Normalität» sich finden. Was auf jeden Fall geblieben ist: Gottes Wort kam trotzdem unter die Menschen. Durch Briefe, die er vom Gefängnis aus an Gemeinden versenden konnte. Durch seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die das Evangelium verbreiteten. Gott findet mit seinem Wort Wege zu den Menschen. Und das hat mich in der Zeit der vielen Einschränkungen ermutigt. Über so viele «Kanäle» war es möglich Gottes Wort, die gute Nachricht von Jesus Christus unter die Menschen zu bringen. Viel Kreativität der Christen auf dieser Welt ist deutlich geworden. «Das Wort Gottes lässt sich nicht gefangen nehmen». Wie gut, dass dem so ist! Dabei ist mir auch Jesu Wort in den Sinn gekommen: «Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.» (Mk. 13,31). Und seine Worte wecken uns auf zum Vertrauen in ihn in guten und schwierigen Zeiten. Seine Worte sind voller Leben und bringen uns ans Ziel. Es sind «Worte ewigen Lebens», wie es im Johannesevangelium heisst; Worte, die nur er hat und die durch nichts gefangen werden können. Das ist «normal» für Christen. Überleg mal, wie und in welchen Momenten der vergangenen eingeschränkten Zeit dir Gottes Wort geholfen hat?

Markus Schöni